LA CUCINETTA 2010
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Doktor Schwanzlutscher hat eine Frage

Manchmal glaubte Doktor Schwanzlutscher, dass seine Explosion bevorstand.

 

Oh, wie das brannte auf seiner Zunge! Seit Tagen nichts gegessen, nicht weil er kein Geld hatte, nicht, weil er etwa Diät hielt oder fastete, nein, er konnte einfach nicht essen, obwohl er Hunger hatte.

 

Er konnte einfach nicht.

 

Doktor Schwanzlutscher war weder ein Doktor, noch ein Schwanzlutscher, sondern ganz einfach ein Mann Ende Zwanzig, Anfang Dreißig, Mitte Sechzig (oder älter oder jünger, das weiß man nicht!), polni­scher Herkunft und hieß Drusillus Sczánsczludsczra.

 

„Dr.“ für Drusillus und „Schwanzlutscher“ für Sczánscz­ludsczra. Doktor Schwanzlutscher! Außer­dem ist Doktor Schwanzlutscher einfacher auszusprechen und zu schreiben als Drusillus Sczánsczludsczra .

 

Die Zigaretten, schwarze französische Zigaretten, die guten Gauloises Caporal (als Ersatz für die verbotenen Ducados extra fuerte), der starke italienische  Kaffee, dieser ver­dammte starke italienische Kaffee, den er trinken musste, obwohl er ihm nicht mehr schmeckte und obwohl der italienische Kaffee nicht stärker ist als deutschnationaler Filterkaffee im Kännchen auf der Terrasse im Freien zu Ostern, aber das war ihm im Moment des Italienischen-Kaffee-Trinkens nicht bewusst, weil er einfach nicht wusste, dass der italienische Kaffee nicht stärker ist als deutschnationaler Filterkaffee im Kännchen auf der Terrasse im Freien zu Ostern – der italienische ist nur intensiver im Eingang, Abgang und Ausgang, intensiver, nicht stärker!

 

Hinausstarren aus dem Fenster bei Tag, wenn er die am Fensterrahmen angenieteten Bügeldecke beiseite zog, aus dem Haus flüchten in der Nacht, wie ein Ver­brecher. Und er fühlte sich wie ein Verbrecher. Er war ein Verbrecher, ein Dieb, ein Mörder, nur: sein Opfer war er selbst und dafür konnte er nicht bestraft wer­den, wenngleich die Stadt La Cucinetta ihre eige­nen harten Gesetze hatte. Harte, teuflische Gesetze, die nirgendwo niederge­schrieben waren, genausowenig wie die Strafen, harte teuflische Strafen, Strafen, die nicht von dieser Welt waren.

 

Es peitschte ihn voran, hatte er noch kurz nach dem Verlassen des Hauses in der Nacht zurückkehren wollen, sogar können, bei entsprechender Wil­lensanstren­gung, nun, nach dem Überschreiten der Hofschwelle peitschte es ihn voran, peitschte ihn mit elektrischen Stößen, wie Fleisch zerfetzende Knüppelschläge trom­melte es auf seinen Rücken ein, nur fort, nur fort, dorthin in den Wald, in den Wald zum alten Bunker, in dem ein rostiges Ding stand, von dem niemand in der Welt hätte sagen können, was es einmal gewesen war. Ein Fahrrad nicht zum Fahren gedacht, ein metallener Webstuhl, ein Folterinstrument?

 

Niemand hätte es wissen können!

 

Seit einer Woche nicht geschlafen, tagsüber bei heruntergelassenen Jalousien, mit Bügeldecken an den Fensterrahmen,  ein Dämmern, kein Ersatz für Schlaf, ein aufreibendes, verrücktmachendes Dämmern. Und verrückt war er, das wusste er und es würde nicht mehr lange dauern,  da würde er endlich explodieren!

 

Er wusste es!

 

Er wusste es!

 

Er würde ein Verbrechen begehen, diesmal nicht an sich selbst, nicht ein wei­teres Mal würde er nur er sich selbst schlagen, verletzen, foltern, töten wie seit Jahren schon, er würde einen anderen Menschen schlagen, verletzen, fol­tern, töten. Dann würde er sich verstecken, er würde versuchen, keinen Ver­dacht auf sich zu lenken in der Hoffnung, gerade das würde den Verdacht auf ihn lenken. Sie würden ihn jagen, er würde davonlaufen, sie würden auf ihn schießen, ihn niederstrecken, aber nicht töten, nein, kampfunfähig machen, doch er würde nicht kämpfen wollen. Sie würden ihn einsperren, verhören, ihn wochenlang nicht schlafen lassen, doch das wäre keine Strafe, er war es ja gewohnt.

 

Sie würden ihn foltern, stundenlang, tagelang foltern, sie würden ihm Koffe­inkap­seln zu fressen geben bis zum Kotzen, sie würden ihm Nikotin injizie­ren, den kläg­lichen Rest an Vitaminen in seinem Körper vernichten, ihn nackt in einer kalten Zelle liegen lassen, er würde eine Lungenentzündung bekom­men, doch sie würden ihn wieder notdürftig gesunden lassen.

 

Er konnte die Natur nicht verhöhnen oder gar zerschlagen oder überwinden. Er war auch nur ein lausiges Tier, wie alle anderen! Ein lausiges schwitzen­des stin­kendes fressendes geiles Tier wie alle anderen auch. Homo habilis, homo sapiens, homo sapiens sapiens, homo irrationalis, kein iguana Schwanzlutscher, nicht einmal ein ho­mo Schwanzlutscher. Ein verschissener Mensch wie alle anderen verschissenen Menschen auch.

 

Hatte er damit nicht schon seine Strafe?

 

War das Menschsein nicht die schlimmste Strafe für das schlimmste vorstell­bare Verbrechen?

 

Ab in den Wald, vor dem er sich nicht mehr fürchtete, Suchen nach dem Bunker, vor dem er sich auch nicht mehr fürchtete. Das Kind Drusillus mel­dete sich wieder. Das Kind Drusillus dachte an die Spielchen, an die Drusillus-Kinderspielchen.

 

Das Brennnesselspielchen; einen schwächeren Jungen ergreifen und in die Brennnes­seln werfen.

 

Das Grillspielchen; eine Gruppe von drei oder vier Jungen, die sich gegensei­tig mit Grillbesteck die Geschlechtsteile irritieren.

 

Das Sand-in-der-Röhre-Spielchen; sich in eine Betonröhre setzen, deren Bo­den mit Glasscherben übersät ist und sich von beiden Enden mit trockenem Sand zuwerfen lassen.

 

Das Böller-Spielchen; einen Böller bis kurz vor dem Abbrennen der Lunte in der Hand halten.

 

Das Piss-der-bösen-Oma-vor-die-Wohnungstür-Spielchen; der bösen Oma aus dem Parterre vor die Wohnungstür pissen. ‑ ähnlich das:

 

Piss-dem-Goggo-Muffel-von-nebenan-in-den-Benzinkanister-Spielchen.

 

Das Buenos-Dias-Argentina-Spielchen; sich im Nichtschwimmerbecken den Kopf unter Wasser drücken lassen und „Buenos Dias, Argentina“ singen.

 

Die Katzenkinder des Studenten, von denen er eines so gerne besessen hätte, es seine Eltern aber nicht erlaubt hatten, eine Katze mit ins Haus zu schlep­pen, die Katze, das Katzenkind, das er „Gigi“ hatte nennen wollen, das Kat­zenkind, das er entführt hatte, mit ihm ausgerissen war, das einfach im Ge­büsch verschwand und durch kein noch so liebes Gesäusel wieder herzu­locken war.

 

Das hässliche dicke Mädchen von gegenüber, dem er immer Angst machte, indem er ihr seltsam geformte Holzstücke zeigte und behauptete, es seien Knochen von hässlichen dicken Mädchen, die er verspeist habe.

 

Nun stand Doktor Schwanzlutscher kurz vor seinem geliebten Bunker. War er der einzige, der sich noch an ihn erinnerte? Wie sicher hatte er den richti­gen Weg eingeschlagen. Was war mit den Freunden seiner Kindheit? Ein oder zwei lebten vielleicht noch, doch er wusste nicht, wo. Er zündete sich eine schwarze Zigarette an.

 

„Nehmt von denen, die nichts haben!“

 

Doktor Schwanzlutscher war ein Sieger.

 

Jeder Tag ein kleiner Sieg.

 

Jeden Tag ein kleiner Sieg.

 

Gestern zum Beispiel hatte er einer jungen Mutter geholfen, den Kinderwa­gen aus dem Bus zu heben. Das Kind hatte ihn, ausgerechnet ihn, angelächelt!

 

Dass Doktor Schwanzlutscher nach monatelangem Suchen eine Wohnung gefunden hatte, war in diesem Jahr sein bisher bedeutungsvollster Sieg gewesen. Ursprünglich hatte er sie sparta­nisch einrichten wollen, doch als nach und nach alle mögli­chen Nichtfreunde und Unfreunde, mit denen er keine Drusillus-Kinderspielchen gespielt hatte, die seiner Spielchen ohnehin unwürdig waren mit den Umzugskisten, welche er während seiner Streunerzeit hier und da hinterlassen hatte aufgeschlagen waren, zeigte sich bald seine Vierzig- Quadratmeterwohnung von längst Verges­sen- und Verlorengeglaubtem, mit Sicherheit zum größten Teil nutzlos gewor­denem Zeug überfüllt. Mit jeder bei ihm abgelieferten Kiste hatte er weniger Lust bekommen, seine neue Wohnung einigermaßen zu gestalten und sie war mittlerweile genau zu dem Chaos verkommen, das er in seiner ersten eigenen Wohnung hatte vermeiden wol­len: Vinyl-Schallplatten, unter denen sicherlich einige interessante, viel­leicht so­gar wertvolle Exemplare sich befanden: nutzlos! Sein Plattenspieler war verreckt und er hatte es versäumt, einen neuen zu kaufen. Nun gab es keine mehr! Zeitschriften, Zeitschriften, Zeitschriften, Berge von Zeitschrif­ten, Büchern, weiß der Satan, was sonst noch alles. Videocassetten, Au­diocassetten – C30-C60-C90-GO!, Bilder, Fo­tografien, Konzerteintrittskarten, unwichtige Erinnerungen aus unwichtigen Zeiten an unwichtige Menschen, unwichtige Ereignisse und unwichtige Orte, an denen sich noch nie etwas ereignet hatte.

 

Viele wollten einst seine Freunde sein. Aber er wollte kein Freund sein. Zu sehr war er ein Sieger, um ein Freund sein zu können.

 

Es ist eine unverzeihliche Schwäche, sich einfach hinzugeben. Doktor Schwanzlutscher gab sich niemals hin, er hat sich ein einziges Mal in seinem Leben hingegeben. Mit elf oder zwölf Jahren war er „verführt“ worden. Oh, hatte er sich hingegeben, er hatte im Augenblick höchster Erfül­lung vor Glück sterben wollen.

 

Aber danach hatte er sich nicht mehr ein einziges Mal hingegeben, überge­ben, abgegeben, abge­schrieben, krankgeschrieben, krankgehustet, irrgelacht, geil­gedacht, heißge­macht, heißmachen lassen, sich auslachen lassen, sich anmachen lassen, sich ansprechen lassen, sich abknutschen lassen, sich einen hochlutschen lassen, sich runtermachen lassen, sich seine Selbstachtung verlieren lassen, sich nie­mals aufgegeben, sich zusammengerissen, sich unter Kontrolle, Kontrolle, völli­ger Kontrolle.

 

Er war gefroren, in ihm brodelte plasmatisches Magma, aber er war gefroren. Keine Chance, keine Chance!

 

Sein Muskel war sein Gehirn, nicht sein Herz.

 

Disziplin des Körpers, Disziplin des Geistes. Er war ein Sieger, zum Sieger gebo­ren und der größte Sieg ist immer noch der Sieg gegen sich selbst! Man kann über andere siegen, so oft man will, geliebt oder gehasst werden dank die­ser Siege, doch der beachtenswerteste, am höchsten zu bewertende, wenn auch nicht allgemein er­kennbare und anerkennbare Sieg ist der Sieg gegen sich selbst.

 

Er hatte keine Angst vor dem Springen, er glaubte nicht an die Sinnlosigkeit des Lebens. Der erste Sex war sein letzter gewesen. Es tat ihm nicht leid. Er machte einfach weiter, ohne Homo-, Hetero-, Oral-, Anal-, Cyber- oder sonst irgendei­nem Sex. Er würde sich niemals eine Brücke suchen, er würde sich nie Gift besorgen, und wenn er eine Pistole besäße, dann nur, um jeden außer sich selbst zu töten, töten auf die menschenkindliche kindische Weise, niemand wäre es wert, von ihm so getötet zu werden, wie er sich so viele Male selbst getötet hatte.

 

Das Orgeln und das Geknärze des Saxophons ging ihm auf die Nüsse.

 

Er führte kein Tagebuch, erst recht führte er nicht über seine Träume Buch. Was für ein Quatsch: Träume! Er ärgerte sich immens darüber, dass er zuwei­len träumte. Konnte er sich nach dem Erwachen an einen Traum erinnern, schlug er seinen Kopf gegen die Wand.

 

Stadt werweiß, Straße wieauchimmer, Hausnummer immer!

 

Sein Zwang flü­sterte: „Wisch es aus, wisch es hinweg, reinige, reinige, du Sau, du Dreck­sack, reinige deinen schweinigen Körper und deinen schweinigen vergifteten Geist!“

 

Was wollte er überhaupt? Erwartete er etwas von diesem Leben?  Erwartete er al­les?

 

Er hatte keine Visitenkarte, die er einer hübschen Dame hätte zeigen können, er war auch kein sonderlich guter Sänger.

 

Sollte ihn noch einmal jemand ansprechen, so wollte er nur noch sagen: “Hau ab, Du Lesbe!“ oder: „Hau ab, Du Arsch, kannst noch nicht einmal Schlagzeug spielen!“

 

Der Mann hatte Charakter.

 

Doktor Schwanzlutscher war ein Mann mit Charakter!

 

Er war der Überzeugung, dass alle, auch er, dumm sind. Welche Rasse, wel­cher Staat, welcher Planet, alle dumm!

 

Er war ein kleines kühles Ding. Er würde niemals irgendwohin gehen, wo ihn et­was erwarten könnte.

 

Er war dennoch oft, bei jedem Wetter, unterwegs. Er spazierte durch die Wälder, am Tag, und nachts durch die Straßen. Er achtete darauf, nieman­dem zu begegnen. Aber er würde niemals irgendwohin gehen, wo ihn et­was erwarten könnte.

 

Doktor Schwanzlutscher sparte auf einen Friedhof.

 

Diese Farben!

 

Eine geheime Berührung.

 

Seine Vorbilder waren einst Winnetou, dann Superman, dann Mick Jagger; nun hatte er keine Vorbilder mehr.

 

Er versuchte, seine traurige Jugend wiederzuerwecken. Er briet Bratkartoffeln auf dem verrosteten Kohlenofen.

 

Er mit seinem Hang zum Priesterlichen: Abspalten, Neugründen, Manifeste verkünden.

 

Die Eisenbahn: fud fud fud fud fud fud fud fud fud fud fud fud fud fud fud hüäähüü!! fud fud fud fud fud fudfudfudfudfudfudfudfudfudfud­hüüüüüüüüääähüüfudfudfudfud...

 

Abgestandener Schweiß der Arbeiter im Ausbesserungswerk, der Arbeiter, die sich nur einmal in der Woche wuschen, an einer lachsfarbenen Plastikschüssel, die ins Ausgussbecken gestellt wurde.

 

Am schlimmsten stank noch Herr Mederd, der Mederd, der doofe Mederd, der von seinen Kollegen nur ‚Määhdard’ genannt wurde, der doofe Me­derd, der alles andere als doof aussah, sondern eher teuflisch. Wie ein Teufel sah der doofe Mederd aus mit seinen scharfgeschnit­tenen schmalen Augenbrauen, sei­nem Strichmund, seinem kurzen blau­schwarzen Haar. Wie ein Teufel.

 

‚Määhdard’ ist der Teufel! Warum hat es niemand gemerkt? Weshalb die vie­len Un­fälle? Weil man ‚Määhdard’ verspottete, weil er noch nicht zwölfmal verheira­tet war?

 

Seit wann ist der Teufel verheiratet?

 

Seit wann ist der Teufel verheiratet?

 

Seit wann ist der Teufel verheiratet?

 

Seit wann ist der Teufel verheiratet?

 

Seit wann ist der Teufel verheiratet?

 

Seit wann ist der Teufel verheiratet?

 

Seit wann ist der Teufel verheiratet?

 

Seit wann ist der Teufel verheiratet?

 

Seit wann ist der Teufel verheiratet?

 

Seit wann ist der Teufel verheiratet?

 

Seit wann ist der Teufel verheiratet?

 

Seit wann ist der Teufel verheiratet?

 

 

Sic transit Gloria Mundi  
   
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